Erste Arbeitswoche und Gefühlsachterbahn

Okay, ich will hier ja nicht nur von den schönen Seiten Perus berichten, sondern auch, wie es mir wirklich ergeht. Und diese Woche war eher nicht so geil. Ich hab ja schon von meiner Ankunft hier in Andahuaylas erzählt, die nicht ganz glatt ablief, weil man nicht Bescheid wusste, dass ich ankomme und weil ein ziemlich großes Missverständnis entstanden ist, weshalb ich mich nicht wirklich willkommen gefühlt habe. Die Familie ist im Großen und Ganzen schon nett und die Mutter, Señora Juana, sagt auch immer, dass ich mich nicht schlecht fühlen soll und über alles mit ihr reden kann. Aber das glaube ich ihr einfach nicht so ganz und es ist immer alles so auf Distanz. Ich kann mich nicht wie eine Tochter fühlen, wenn ich mein Klopapier und Waschmittel selber bezahlen muss und wie eine Arbeitskraft behandelt werde, die nicht bezahlt werden muss und die in ihrer Schuld steht, weil sie bei ihr wohnen darf. Es sind so Kleinigkeiten, die einen einfach unwohl fühlen lassen. Abends ging es mir deshalb immer ziemlich schlecht und ich hab viel geweint. Da reichten auch schon ganz banale Dinge, um mich zum heulen zu bringen, wie zum Beispiel geschlachtete und abgezogene Meerschweinchen, die vor ein paar Stunden noch fröhlich im Stall rumgehoppelt sind und die ich immer füttern musste. Es war einfach echt schwer diese Woche, alles war neu, anstrengend und anders. Ich bin wirklich offen hierher gekommen und habe nicht viel erwartet, aber trotzdem sind es so kleine Dinge wie eine Dusche, aus der nur kaltes Wasser kommt und die einem einen Stromschlag verpasst, ziemlich nervenaufreibend. Oder das Gefühl, einfach nicht dazuzugehören, weil ständig auf Quechua geredet wird und nicht auf Spanisch. Ich will hier doch sprechen lernen! Und noch gestaltet sich die Kommunikation echt schwierig, weil außer dem zwölfjährigen Sohn Anghelo niemand auf mich Rücksicht nimmt und langsam und deutlich spricht. Stattdessen wird einfach gar nicht mit mir gesprochen, nur untereinander auf Quechua und über mich gelacht. Wenn dann doch mal mit mir geredet wird eigentlich nur um mir irgendeinen Befehl zu geben, zu fragen, ob ich Geld habe und wieviel dies und jenes gekostet hat oder um mir zu sagen: „Iss, iss!“. Generell scheinen sie ein großes Problem damit zu haben, dass ich weniger esse als sie. Aber mal ganz ehrlich, wer kann den bitte eine riesen Schüssel voll Reis mit Kartoffeln und zur Beilage Brot, Käse und Mais essen. Niemand außer den Peruanern. Also ich zumindest höre einfach auf zu essen, wenn ich satt bin, was die aber nicht akzeptieren wollen, genauso wenig wie dass ich KEIN FLEISCH essen will oder einfach keine Sachen essen und trinken will, die mir nicht schmecken oder bekommen (wie zum Beispiel ein halber Liter Milch am Morgen, nachdem ich den ganzen Tag nichts mehr essen konnte, weil mir so schlecht war). Auch wenn sie immer wieder versuchen mir weiß zu machen, dass Würstchen nicht aus Fleisch sind sondern vegetarisch und Meerschweinchen kein Cholesterin haben und ich doch probieren soll. Mein „Nein, danke.“ wird erst nach dem zehnten Mal akzeptiert oder mit einem Augenrollen als verrückt abgetan. Also irgendwie haben die ein ganz großes Problem damit und ich verstehe nicht warum, weil sie ja nicht mal extra für mich kochen müssen, sondern ich einfach das Fleisch rauslasse. (An dieser Stelle möchte ich Leti und Laura grüßen, denn in solchen Momenten vermisse ich euch noch mehr und wünschte, ich könnte besser Spanisch, um mich zu wehren und zu erklären, aber selbst das wäre wahrscheinlich hoffnungslos, da die Peruaner in dieser Hinsicht völlig ungebildet sind, da sie immer noch glauben, Milch wäre das wichtigste Nahrungsmittel der Welt und ohne Fleisch fehlen einem doch ALLE Nähstoffe. Man fühlt sich fast wie ein Ausgesetzter und richtig schlecht, da man das verneint, aber ich bin hier schon seehehr tolerant.) 

Jedenfalls ist das alles hier herausfordernd, sowohl körperlich als auch mental. Ich habe wirklich kein Problem damit, meine Ansprüche herunterzuschrauben und ich habe auch keine Erwartungen gehabt und bin offen hierher gekommen, aber trotzdem sind so Sachen wie die Tatsache, dass hier zum Beispiel generell kein Klopapier benutzt wird und es teilweise nicht einmal möglich ist, absolute Grundbedürfnisse wie Schlaf, Essen, WASSER, Toilette und Hygiene zu erfüllen, echt echt hart. Schöne Grüße hier auch an alle, die mir nette Tipps mit auf die Reise gegeben haben und gesagt haben, ich soll mir immer die Hände vor dem Essen waschen, danach, wenn man nach Hause kommt etc. und nur gewaschenes Obst essen und so weiter und so fort: das ist schlichtweg nicht möglich. Dann könnte ich Noe was essen oder trinken. Zum Glück verträgt mein Magen bis jetzt alles und ich habe keine Probleme. 

Am Dienstag war auch mein erster Arbeitstag und aus irgendeinem Grund, gab es keinen Unterricht für die Kinder, sondern nur die Omas und Opas waren da. Deshalb musste ich dann mit denen arbeiten, was aber nicht wirklich möglich war, da sie ausschließlich Quechua gesprochen haben dazu noch genuschelt haben wie sonst was. Außerdem ist ihre einzige Beschäftigung das Malen und Sticken, wobei ich natürlich nicht gerade benötigt wurde. Nach vier Stunden des Rumsitzens war dann also Mittagspause, aber da ja keine Kinder für den Nachmittag kamen, gab es irgendwie keine Arbeit, aber man hat mir auch nicht gesagt, was ich machen soll. Also saß ich drei Stunden mit Ruth, der 21-jährigen Putzfrau, die mir leider überhaupt nicht sympathisch ist, weil sie mir zu aufdringlich und körperlich ist, vor dem PC und habe mich weiter gelangweilt, während sie irgendwelche Videos auf YouTube geschaut hat. 

Später ist dann meine Fassade endgültig gesprochen und ich konnte einfach nicht anders als zu weinen, weil ich weder wusste, was ich machen sollte, noch irgendwen verstand, mir kotzübel war und ich einfach komplett überfordert mit der Welt war. Señora Juana hat mich dann versucht zu trösten und mit mir meinem Wochenplan erstellt. Dann konnte ich zum Glück nach Hause gehen, weil ich wirklich nicht wusste, warum ich an dem Tag da war. 

Am Mittwoch war schon ein viel besserer Arbeitstag, denn vormittags war ich mit vier Kindern beschäftigt, mit denen die Arbeit wirklich Spaß gemacht hat! Sie sind einfach so süß und bewundern mich für meine Haut, meine Haare und generell alles. Die habe ich auch super verstanden und ich konnte ihnen bei ihren Aufgaben helfen. Außerdem waren sie ganz aus dem Häuschen, als sie erfahren haben, dass ich ihnen Karate beibringen werde. Das konnten sie alle gar nicht abwarten. 

An dieser Stelle muss ich auch sagen, dass mir persönlich es gar nicht so auffällt, dass ich so anders bin, aber nach etwas Überlegung mir aufgefallen ist, dass ich wahrscheinlich die einzige Person weit und breit bin, die blond, hellhäutig und groß ist. Jede Verkäuferin, jeder Fußgänger oder einfach Personen, denen wir begegnen, sprechen mich an und fragen mit, wo ich herkomme, wie ich heiße, wie alt ich bin, was ich hier mache und wienlange ich hier sein werde. Das ist schon äußerst seltsam, ich musste auch schon für zwei Fotos posieren. Ich werde echt immer lustig angeschaut. Aber genauso interessiert schaue ich wahrscheinlich die Frauen in ihren bunten Trachten an oder die super süßen Kleinkinder, die hier über die Straße stolpern. 

Jedenfalls war der Vormittag ganz gut, auch wenn einer der Kinder, der kleine Kimi, irgendwie einen schlechten Tag hatte, überhaupt nicht reden wollte und auch nicht seine Aufgaben machen wollte. Irgendwann hat er angefangen zu weinen, hat aber nicht geredet und ich wusste nicht warum. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte haben wir seine Hausaufgaben weiter gemacht, was echt anstrengend war und ewig gedauert hat. Die anderen drei haben sich derweil mit den Fotos auf meinem Handy begnügt.

Danach wollten wir eigentlich zum Schwimmbad, wo die Senioren waren, aber irgendwie konnten wir sie nicht finden, also sind wir wieder umgedreht. Die Kinder am Nörgeln und ich bedacht, keinen zu verlieren. Da also der Sport ausgefallen ist, haben wir Farben auf Englisch geübt und Tiernamen übersetzt.

Nachmittags kommen dann immer die älteren und ich sollte einem Jungen bei Mathe helfen. Das war mir aber schlichtweg nicht möglich, da ich die ganzen Wurzel, Brüche und so fort Begriffe einfach nicht auf Spanisch kann und schon gar nicht erklären kann, wenn sie etwas falsch machen, warum es falsch ist. Ich sollte mir dann einfach aus dem Stegreif Aufgaben ausdenken, dabei wusste ich ja gar nicht, was sie können oder was sie in der Schule gemacht haben. Der eine Junge ist in der Abschlussklasse und es hat mich echt schockiert, was die hier rechnen. Die haben noch nie von Graphen gehört und das Schwierigste was sie lösen können sind Brüche zu multiplizieren und eine Wurzel auszurechnen. Aber sie verwenden weder Buchstaben noch haben sie jemals von Graphen gehört. Dementsprechend schwierig war das Ganze für mich und ich habe nach den völlig sinnlosen Stunden gesagt, ich will wenn dann zu den Kleinen oder nur noch Englisch machen. Ich habe nämlich nur rumgegammelt und verzweifelt nach Wörtern gesucht um die Aufgaben zu erklären. Aber irgendwie konnte er mich auch überhaupt nicht verstehen, wenn ich dann mal einen Satz rausgebracht habe und ich habe zu ihm gesagt, das nächste Mal soll er sein Buch mitbringen, weil ich kann ihm nicht ausgedachte Aufgaben geben, von denen er keinen Plan hat, wie man die rechnet. Also das Schulsystem der ist echt eine Katastrophe und das Niveau ein Witz, leider. Er wollte mir tatsächlich erklären, dann man 10x^2 mit 4x zu 14x^2 addieren kann. 

Abends waren wir dann noch mit dem Auto in Andahuaylas, weil Anghelos Computer zur Reparatur musste und wir waren noch irgendwas einkaufen, nur nicht das, was wir eigentlich gebraucht hätten… wie z.B. Klopapier. Im Allgemeinen finde ich es schrecklich, dass sie mir erzählen, dass sie auf der einen Seite kein Geld haben und auf der anderen Seite selbst die 100 Meter (wirklich nicht mehr als 2 Minuten zu Fuß, wenn überhaupt) zum CEDIF (der Arbeit) mit dem Auto fahren. Bzw. fährt der Vater uns dahin und holt uns wieder ab. Mit Pünktlichkeit kennen die sich hier auch nicht wirklich aus, wir kommen und gehen einfach wenn wir wollen und es uns in den Kram passt, hab ich das Gefühl.

Am Donnerstag war eigentlich so der beste Tag der Woche, denn ich war nicht mehr alleine mit den Kindern, sondern die Lehrerin Profesora Liz, mit der ich ab jetzt immer zusammenarbeiten werde, war da und wir waren zu zweit. Wir waren mit den Kiddies, weil keiner Hausaufgaben hatte, an einem Fluss und haben „Der Fuchs geht um“ gespielt, ein bisschen Karate gemacht, was aber für mich super anstrengend war und die Kinder, heute sieben an der Zahl, im Fluss speilen lassen, während wir uns super unterhalten haben. Señora Liz ist wirklich unglaublich lieb, die erste Person, die sich wirklich mit mir unterhalten hat und einfach total nett war! Das war echt super schön und ich bin froh, ab jetzt mit ihr zusammen zu arbeiten. Sie verstehe ich nämlich auch am Besten von allen. 

Am Nachmittag war ich dann erst bei den ganz kleinen Erstklässlern zum Helfen und danach wieder bei den Großen, nur diesmal für Englisch, was viel viel besser war und wobei ich auch wirklich helfen konnte. Allerdings ist das Englisch der Jungs größtenteils echt miserabel, obwohl sie in der Abschlussklasse sind und mein kleiner Zweitklässler besser Englisch spricht.

Die Tage und die Arbeit machen mir also echt Spaß und beschäftigen mich gut, sodass ich danach echt müde bin. Nur die Abende sind immer gleich gewesen, ich lag heulend im Bett und hab meine Mutter wachgehalten. 

Jedenfalls war am Freitag schon wieder Feiertag, also keine Arbeit, und erst hieß es, wir würden auf ein Fest fahren, weswegen wir um vier Uhr aufstehen müssen. Am Abend zuvor hat es allerdings geregnet und man hat mir gesagt, dass wir deshalb nicht fahren. Am Freitagmorgen wurde ich dann trotzdem mit lauten Schreien geweckt und hatte fünf Minuten, um mich mitten in der Nacht fertig zu machen. Dementsprechend unvorbereitet war ich dann auch, aber ich habe wenigstens an meine Tablette und Desinfektionstücher gedacht, die mir noch heilige Dienste leisten sollten.

Wie der Tag dann ablief, berichte ich das nächste Mal.

Emily

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Kommentare: 3
  • #1

    Mama (Samstag, 09 September 2017 17:34)

    Ich bin immer für dich da
    Jeder Zeit
    Egal wann

  • #2

    Ate (Sonntag, 10 September 2017 00:02)

    Liebe Emily, ich bin super stolz auf Dich, wie Du das alles meisterst. Ich freue mich für Dich, dass Du jetzt zumindest mit der Lehrerin eine nette Person zum Reden hast. Irgendwie hört sich aber auch alles ziemlich chaotisch an.
    Fühl Dich ganz doll gedrückt. In Gedanken bin ich bei Dir.
    Hdl Ate

  • #3

    Oma Ruth (Sonntag, 10 September 2017 11:19)

    Sonntag, 10.09.17
    Liebe Emily, ich bin Stolz auf Dich, wie Du die üble Situation meisterst ist großartig. Ich hoffe, es kommen jetzt bessere Tage.
    kann ich mit dem Visum (peruanische Botschaft) behilflich sein?
    Alles Liebe Deine Oma Ruth