Fiesta de "La Virgen de Cocharca"

Wie erwähnt, war der Plan für Freitag auf ein „Fest“ zu fahren, das drei Stunden entfernt stattfinden sollte, weswegen wir um vier Uhr aufstehen mussten. Mir sagte man, es wäre ein Fest auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte und ich war ehrlich gesagt echt gespannt und hatte total Lust darauf, mir das anzusehen. Dementsprechend enttäuscht war ich auch, als man mir am Vorabend offenbart hatte, dass wir doch nicht fahren würden, da es regnete. Ich rechnete also damit, nicht geweckt zu werden und ganz normal bis sechs Uhr schlafen zu können, um dann zu Arbeit zu gehen. Wie sich jedoch herausstellen sollte, war 1. Feiertag und es wurde nicht gearbeitet (hier ist irgendwie ständig Feiertag und keine Arbeit) und 2. sind wir doch gefahren. Ich wurde also nachts um vier aus dem Schlaf gerissen und angebrüllt, wir würden JETZT SOFORT losfahren. Mir blieb also keine Zeit, um großartig zu überlegen, was ich mitnehmen wollte oder mich fertig zu machen. Also zog ich mich nur schnell an, dachte noch an mein Wasser und meine Tablette und Desinfektionstücher (zum Glück hatte ich die dabei!) und dann ging es auch schon los. Da wir ja offensichtlich mitten in den Anden leben und von kilometerhohen Bergen umgeben sind, war die Fahrt auch dementsprechend unentspannt. Da hier irgendwie bei keinem Auto Anschnallgurte zur Grundausstattung gehören, wurde man auf der Fahrt in jeder Kurve durch das ganze Auto geschleudert, von rechts nach links und wieder zurück. Anfangs saß ich noch hintern in der Mitte und Anghelo rechts von mir. Da er jedoch quasi auf meinem Schoß saß, da er unbedingt vorne durch die Scheibe schauen wollte und mit seinen Eltern reden wollte, bat ich ihn, den Platz zu tauschen, so konnte ich wenigstens meinen Kopf am Fenster anlehnen und mich festhalten. Die Fahrt wurde umso schaukeliger, da die Maximalgeschwindigkeit von 30km/h hier (zum Glück) niemanden interessiert, stattdessen wird im Schnitt 80km/h gefahren (sonst würde man nie ankommen, hier braucht man so schon für 100km drei Stunden). Im Gegensatz zu mir ist Juana und Anghelo auf der Fahrt auch total schlecht geworden und wir mussten dreimal anhalten, damit sie sich übergeben konnten. Dabei ist mir dann auch fast schlecht geworden, aber die Kurven an sich haben mir zum Glück nicht viel ausgemacht, im Gegensatz zu den beiden, die das ja eigentlich gewöhnt sein sollten. Auf jeden Fall kamen wir dann circa zweieinhalb bis drei Stunden später im Hellen in diesem winzigen Dorf an, das glaube ich Chinchero heißt und umgeben ist von Bergen und mitten in dem Tal der Berge liegt. Also wirklich nichts als Berghänge drumherum, aber eine wirklich wunderschöne Landschaft! Auch die eindrucksvolle Kathedrale aus der Kolonialzeit konnte mich begeistern, denn sie war wirklich schön anzusehen. Allerdings war meine Laune einfach nicht besonders gut, sodass ich das ganze Fest nicht wirklich genießen konnte. Als erstes stellten wir also unser Auto ab, nachdem wir diese unbefestigte Piste hinunter ins Dorf gemeistert hatten und gingen, einmal quer durch alle Essenstände, zu der Kathedrale, um Kerzen anzuzünden und den Segen dieser Jungfrau von Cocharca zu erhalten. Was es mit dieser Art Maria auf sich hat, habe ich nicht ganz verstanden, auf jeden Fall war es keine Ausgrabungsstätte und auch kein Fest, sondern eine zutiefst religiöse Veranstaltung und hunderte, wenn nicht tausende Menschen kamen an diesem Tag in diesen Ort gepilgert. Meine Gasteltern sind, wie sich herausstellte, auch sehr gläubig und die Mutter musste sogar ständig weinen, fragt mich nicht warum. Auf jeden Fall kam mir diese katholische Veranstaltung eher wie eine Veranstaltung einer Sekte vor, einfach weil diese Atmosphäre und das Verhalten der Menschen so krass war. Jedenfalls haben die sich dann ihren Segen abgeholt, ich bin brav auch zu der Maria gestapft und hab mir das angeschaut, um nicht ganz aus der Reihe zu tanzen, denn ich wurde schon wieder von allen Seiten total dämlich angeschaut, als wär ich eine Außerirdische. Kerzen habe ich allerdings nicht gekauft oder angezündet. Erstens weil mir diese ganze Feuer Sache nicht geheuer war und zweitens wollte ich keinen Cent für diesen Schwachsinn ausgeben. An dem Tag hat mir wirklich mein Herz geschmerzt, da diese Menschen wirklich gar kein Umweltbewusstsein zu haben scheinen. Am Ende des Spektakels war die ganze Wiese voll mit Plastikmüll, weil einfach jeder seinen Müll liegen gelassen hat und auch wirklich alles in doppelt und dreifach in Plastikverpackungen eingewickelt und verkauft wird. Es sah wirklich schrecklich aus, dazu noch die ganzen Wachsreste der Kerzen überall auf dem Platz… Wirklich schrecklich. Im Allgemeinen ist das hier ein sehr großes Problem wie mir scheint. Hier wird kein Müll getrennt, für jeden Mist bekommt man eine Plastiktüte und selbst wenn die noch nicht voll sind werden die Sachen auf drei anstatt eine verteilt. Die ganze Natur, Flüsse, Wiesen und Wegesränder sind voller Müll. Einfach überall liegt der Plastikmüll rum und verschmutzt die Umwelt. Die gut gemeinten Schilder am Straßenrand, auf denen steht, man soll auf die Umwelt achten, bewirken nicht viel und es wird weiterhin munter Plastik verschwendet…

Jedenfalls sind wir nach dem Segen dann erst einmal was frühstücken gegangen, bzw. haben sich die drei eines gegönnt und ich saß dumm daneben. Denn es ist ja nicht so als gab es dort eine Millionen Stände mit allerlei Essen. Nein, da steuert man doch mal munter einen Stand an, an dem es ausschließlich Fleischsuppe gibt, um mich dann zu fragen, ob ich das esse. NEIN, NATÜRLICH NICHT!!! Wie oft noch!? Das fand ich schon ziemlich unverschämt und dreist, man hätte ja wenigstens an einen Stand gehen können, an dem es neben dieser Fleischsuppe noch was anderes gibt. Naja, hat die auf jeden Fall nicht interessiert und sie haben sich ihre Schüssel Suppe schmecken lassen. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: in der Schüssel des Sohnes war die Suppe (Brühe mit Mais oder so) und dann einfach ein ganzer Kiefer reingelegt. Mit Zähnen, das ganze Gebiss einfach rinn in die Schale. Ne, danke. Ich durfte mir dann von meinem eigenen Geld einen Becher mit so einer Art Getränk kaufen, das eigentlich nur Zuckerwasser mit ein bisschen Quinoa drin war. Hat also aufgrund der Menge und Art der Zubereitung nicht wirklich satt gemacht, aber gut. Weiter ging es dann zu Verwandten von meiner Gastfamilie, die auch angereist waren. Sie saßen auf einer Wiese und haben an einem Feuer Suppe gekocht. Die war auch direkt fertig als wir ankamen, es wurde also munter der nächste Teller Fleischsuppe verdrückt und wieder auf Quechua über mich abgelästert, warum ich kein Fleisch esse, wo ich herkomme, bla bla bla. Soviel Menschenkenntnis besitze ich nämlich schon, auch wenn ich die Sprache nicht beherrsche, dass ich merke, wann über mich geredet und gelacht wird. Ich höre aus den ganzen Gesprächen nämlich immer nur die Fakten über mich raus und „Gringa“, was soviel wie „Weiße“ bedeutet. 

Von einer der Frauen habe ich dann netterweise aber noch Früchte angeboten bekommen, Chirimoyas. Die sind so süß, dass sie eher wie Süßigkeiten schmecken, aber echt lecker sind. 

Danach haben sie mir ihren Schirm in die Hand gedrückt und mich dann ewig warten lassen. Bei der Gelegenheit hab ich mir dann einfach was zu essen gekauft bis sie wieder gekommen sind. Dann sind wird auf den Platz vor der Kirche gegangen, wo sich zu dem Zeitpunkt auch schon alle anderen befunden haben und es war rappelvoll. Also echt uncool und ich war richtig schlecht drauf, hatte Hunger, war müde, hab mich geärgert, weil ich deren Schirm rumschleppen musste und sie mir den nicht mal auf ein Nachfragen hin abgenommen haben und ich sie ständig verloren habe und sie sich einfach nicht nach mir umgesehen haben oder auf mich gewartet haben. Ich war echt den Tränen schon wieder nahe und habe eigentlich den ganzen dreistündigen Gottesdienst nicht zugehört, weil es mich weder interessiert hat noch ich irgendwie Lust hatte, daran irgendwie teilzunehmen. Es war einfach stinklangweilig, heiß, viel zu voll und laut, unbequem und einfach scheiße (sorry für den Ausdruck). Den Schirm durfte ich natürlich dann, als er gegen die Sonne gebracht wurde, abgeben und ich habe auch kein Plätzchen unter dem Schirm erhalten, ich durfte also in der Sonne brutzeln. Meinen Ärger habe ich wieder an meiner Mutter ausgelassen, weil mich die ganze Sache hier einfach so frustriert hat! Die Sache mit der Gastfamilie, diese Rücksichtslosigkeit und so weiter. Danke Mama, dass du immer für mich da bist und auch nachts um zwei die Nerven hast mir zuzuhören!

Der Mann neben mir war mal wieder einer von denen, die total beeindruckt von meiner äußeren Erscheinung waren und war ganz interessiert an meinem Leben. Nach drei Eis, Schokolade und noch weiterem Mist den sich meine drei Begleiter gegönnt hatten, war der Gottesdienst endlich zu Ende, aber die Zeremonie noch lange nicht. Dann wurde gefühlt nochmal alles auf Quechua übersetzt, gesungen, irgendwelche Parolen geschrien, die Figur der Maria um den Platz geschleppt, beworfen und so weiter. Hat alles ewig gedauert und alle haben geheult und gewunken. Als dann wirklich alles zu Ende war, sind alle auf einmal zu ihren Autos gestürmt um dann gleichzeitig sich auf den Heimweg zu machen. Das hat aber natürlich nicht funktioniert. Es herrschte totales Verkehrschaos und wir standen eine Stunde bei laufendem Motor auf der Stelle, nämlich auf unserem Parkplatz, aber im Auto. Super sinnvoll. Nichts ging voran, die kleine Straße die zu den Ort führt ist halt einfach auch nicht dafür gemacht und wenn alle drücken geht das halt nicht. Aber da war man der Überzeugung, dass hupen und schimpfen hilft. Ich wollte eigentlich nur Heim, aufs Klo und was Essen, was ich dann wenigstens im Auto gefunden habe. Naja, nach der Stunde hat dann der Weg den Berg hoch nochmal zwei Stunden gedauert und wir waren im Prinzip kein Stück weiter gekommen. Außerdem haben wir noch zwei Bekannte auf dem Weg aufgegabelt und somit saßen drei übergewichtige Peruanerinnen und ich auf den hinteren die Sitzen und es war furchtbar eng und heiß. Gleichzeitig staubig, weil das Fenster unbedingt auf sein musste. Irgendwann wollte meine Gastmutter, dass ich ans Fenster gehe und sie hat es sich schön am Fenster gemütlich gemacht. Währenddessen hatten wir nochmal sechs weitere Mitfahrer, die hinten auf der Ladefläche saßen. 

Irgendwann haben wir dann in so einem kleinen Dorf angehalten, um Mittag zu essen und auf der Weiterfahrt waren wir dann zum Glück nur noch zu dritt auf den Rücksitzen! 100 Meter später wurde wieder angehalten, um spontan Holz vom Wegesrand aufzuladen. Danach sind wir dann endlich etwas weiter Richtung Zuhause gekommen, ich wollte wirklich einfach nur nach Hause. Ich war so müde, weil es mittlerweile sechs Uhr abends war und war echt nur müde und genervt. Meine Gastmutter hat sich rechts von mir so ausgebreitet und über die Hälfte des Platzes für sich vereinnahmt, dass die andere Frau und ich total gequetscht da saßen. So eine Frechheit, wirklich!

Schlussendlich haben sie nochmal an einem Markt gehalten um irgendein Zeugs zu kaufen und um halb sieben kamen wir endlich an… Ich bin einfach nur ins Bett gefallen und habe gar nichts mehr gemacht; ich bin sofort eingeschlafen. 

Am Donnerstag ist anscheinend schon wieder Feiertag und nochmal so ein Fest, aber da werde ich sicher nicht mitgehen. 

Vom Wochenende berichte ich im nächsten Post.

Emily

P.S.: Vielen vielen Dank an alle, die mir so aufbauende Worte geschrieben haben nach dem letzten Eintrag und nachdem es mir diese Woche hier nicht so gut ging und es alles nicht so einfach war. Ich bin echt froh eine so tolle Familie und Freunde zu haben, ihr seid sie Besten!

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Kommentare: 2
  • #1

    Lena (Montag, 11 September 2017 17:21)

    Hi Emily,
    Ich hoffe sehr, dass du noch viele schöne Erlebnisse machen kannst, an die du dich später auch gerne zurückerinnerst! Vielleicht wendet sich noch alles zum Guten und deine Gastfamilie wird etwas rücksichtsvoller, wenn sie dich näher kennenlernen...
    Hoffentlich kannst du die Zeit trotzdem genießen!
    Liebe Grüße :)

  • #2

    Jasmim (Montag, 25 September 2017 00:39)

    klingt nach einem schrecklichen tag. aber du hast ihn überstanden und das ist das wichtigste und das stärkt dich��