Arbeit top, Zuhause flop

Vom Montag habe ich ja bereits berichtet und aus dem vorletzten Post konnte man auch schon erahnen, dass sich diese Woche wieder etwas schwieriger gestaltete als es mir recht wäre. 

Aber beginnen wir mit dem Positiven. Nachdem mich die Arbeit letzte Woche total erledigt hat und mir nicht sonderlich Freude bereitet hat, ist es diese Woche wieder viel besser. Vielleicht auch, weil es viel entspannter ist. Aber ich brauche grade eher unanstrengende Beschäftigungen, ich hänge immer noch total durch und mein Energielevel ist unangenehm niedrig. Ich fühle mich immer noch langsam, jede Bewegung ist anstrengend und mir ist teilweise schwindelig. Keine Ahnung warum ich so am Ende bin. Deshalb bin ich eigentlich ganz froh, dass die Arbeit wieder mehr Spaß macht und mich nicht mehr verzweifeln lässt. Nachdem der Montag ja schon sehr entspannt startete, verlief auch der Dienstag einigermaßen ruhig. Am Morgen hatte Carmen die grandiose Idee, Bingo auf Englisch zu spielen. Zu meiner großen Verwunderung verstanden sie nicht nur die Spielregeln, sondern es machte ihnen unglaublichen Spaß und sie wollten gar nicht mehr aufhören. Nebenbei lernten sie hoffentlich noch ein bisschen die Zahlen auf Englisch, aber alleine schon in diese glücklichen Gesichter zu sehen, bereitete mir große Freude. Endlich hatten wir etwas gefunden, womit man sie sinnvoll beschäftigen konnte. Liz glänzte mal wieder mit Abwesenheit, aber es machte mir nicht mehr so viel aus, da ich ja glücklicherweise nicht mehr alleine mit den Kindern war. Am Nachmittag begannen wir erneut mit dem Ausmalen von Bildern, bis ich dazu verdonnert wurde, Plakate mit Verhaltensregeln und Motivationssprüchen zu schreiben. Außerdem wäre es ja langweilig, wenn es einmal genügen würde, nein, man entschied sich nachdem ich fertig war, dass die Plakate doch zu klein seien und ich alles nochmal abschreiben solle. Ich habe ja auch sonst nichts zu tun... Am Mittwoch durften wir Juana nach Kishuara begleiten, ein kleines Dörfchen 45 Minuten von Andahuaylas entfernt, um uns ein anderes CEDIF anzuschauen. Erst hieß es, es sei nur für einen von uns Platz, aber schlussendlich durften wir doch beide mit, nachdem wir schon wieder zwei Stunden gearbeitet hatten und ich weiter mit den Plakaten beschäftigt gewesen war. Das CEDIF in Kishuara ist wirklich viel schöner als unseres muss ich sagen, denn es hängen viele Bilder von den Kindern an der Wand, bunte Fahnen an der Decke und es stehen die Namen der Kinder mit dem jeweiligen Geburtsmonat an der Wand. Es sieht viel mehr danach aus, dass dort Kinder ein und aus gehen und es wirkt viel gemütlicher. Anders als bei uns kommen aber nur nachmittags Kinder, wir trafen allerdings so gegen 10:45 Uhr ein, weshalb es noch sehr ruhig war und wir Zeit hatten, uns alle Räume anzuschauen. Auch die Unterrichtssääle waren sehr viel einladender gestaltet, was vielleicht auch an dem besseren Zustand des Gebäudes lag, aber definitiv auch an all den Basteleien. Carmen und ich beschlossen also auch bei uns etwas ändern zu wollen. Als um ein Uhr alle Schüler gleichzeitig zum Mittagessen eintrafen, waren diese so unglaublich gut erzogen, dass uns fast die Spucke wegblieb. Alle grüßten zu allererst die Küche, dann alle Lehrer und Betreuer inklusive uns, setzten sich danach ordentlich auf ihre Plätze und begannen einstimmig zu beten, nachdem alle ihr Essen vor sich stehen hatten. Auch wir wurden natürlich nicht vergessen vorzustellen, was uns eher peinlich berührte. Generell waren wir aber sehr beeindruckt, wie es laufen könnte und wie ruhig und geordnet es dort zuging. Fragt mich nicht wie die die Kinder dazu gebracht haben. Ich war echt beeindruckt, immerhin kannte ich bis dahin nur unser Chaos. Zu meiner Verwunderung belief sich unser Besuch nur auf einige Stunden und wir machten uns gegen viertel nach eins schon wieder auf den Rückweg, sodass wir pünktlich zur Nachmittagsbetreuung wieder zurück waren. Glücklicherweise gönnte man uns vorher noch eine kleine Verschnaufpause bevor es weiterging. Aber generell macht die Arbeit schon viel mehr Spaß seit Carmen da ist und wir zu weit sind, da es mich nicht mehr so überfordert und auch wenn Liz nicht da ist, ich nicht ganz alleine bin. So können wir uns mit dem Unterrichten abwechseln und die Aufgaben aufteilen. Es ist also echt viel besser als die letzte Woche, die mich so fertig gemacht hat. Und auch wenn ich am Anfang nicht so begeistert war von der Nachricht, dass noch eine Freiwillige kommen soll, muss ich sagen, dass ich ganz froh darüber bin, da wir uns echt ganz gut verstehen. Man merkt zwar sofort, dass man weniger Spanisch spricht als alleine, aber wenn Juana mal wieder blöd ist (was ja leider ziemlich oft der Fall ist) habe ich wenigstens jemanden, bei dem ich mich auskotzen kann und der meine Sprache spricht. Man fühlt sich einfach nicht mehr so alleine, sondern eher verstanden, wenn auch sie nur den Kopf schütteln kann. Ich habe zwar das Gefühl, dass ich alles aus ihr rauskitzeln muss und sie nicht von alleine ein Gespräch anfangen würde, aber so erfahre ich wenigstens etwas über sie. Denn Rückfragen stellt sie eher selten. Wir haben uns aber schon viel unterhalten und ich habe das Gefühl, wir haben echt viele Gemeinsamkeiten. Zwar ist es etwas komisch keine Privatsphäre oder keinen Rückzugsort mehr zu haben, aber ich komme gut damit klar, dass wir uns ein Zimmer teilen. 

Was allerdings komisch ist, ist dass Juanas Verhalten sich seit ihrer Ankunft um 180 Grad gedreht hat. Die Wochen zuvor ist sie jeden Tag zu spät zu Arbeit gekommen, immer nach mir los und ist um 8 Uhr noch unter die Dusche gehüpft. Diese Woche dagegen, hatte sie es besonders eilig und hat das Haus immer vor uns verlassen. Plötzlich konnte sie gar nicht früh genug loskommen. Auch frühstückten wir plötzlich nicht mehr zusammen, mussten unser eigenes Brot für das Frühstück kaufen und bekamen andere Aussagen zu hören, als ich die Wochen zuvor. Mich irritierte das schon sehr, lehrte mich aber, mich nicht mehr auf ihre Worte zu verlassen und alles erstmal kritisch zu hinterfragen. 

Juanas Verhalten wurde von Tag zu Tag immer seltsamer und ich bekomme schon gar nicht mehr alle merkwürdigen und gemeinen Aktionen zusammen. An einem Morgen meinte sie aber auf jeden Fall, ich solle die Küche fegen, sie müsse jetzt schnell los zur Arbeit. Somit ließ sie mich mit dem Besen in der Hand stehen und rannte davon. Sie kam natürlich pünktlich, nur ich kam aufgrund dieser bodenlosen Frechheit zu spät zu Arbeit. Carmen war so nett und wartete, wunderte sich aber ebenfalls darüber, dass sie nicht mal Tschüss sagen konnte. 

Im Laufe der Woche lies sie mich auch immer wieder aufs Neue spüren, dass sie von Carmen eindeutig begeisterter war als von mir. Für mich fand sie immer wieder einen Grund mit mir zu schimpfen oder mich anzuschreien, sei es auch nur, weil ich meine benutzte Tasse ins Waschbecken gestellt habe anstatt sie zu spülen, weil es kein Wasser gab… Oder sie lobten Carmen, spaßten und scherzten und machten dann blöde Witze auf meine kosten, ärgerten und provozierten mich. Es war echt gemein und wirklich auffällig, ich fühlte mich ziemlich beschissen. An einem Abend trieben sie es so weit, dass aus meinem Ärger echte Verletztheit wurde. Sie ritten mal wieder auf meinen Essgewohnheiten rum, Juana meinte die ganze Zeit, ich würde es nicht wollen, dass ihr Mann sich die Plakate im CEDIF anschauen kommt und lauter so blödes Zeug, dass ich ja gar nichts wolle. Ihr boten sie Ausflüge an, mich fragten sie nicht einmal. Genauso wie in Kishuara, als sie Carmen fragte, ob sie dort eine Woche verbringen wolle. Sie wurde gefragt, ich nicht. Als ich dann meinte, ich fände es auch cool, tat sie Einen auf Verblüfft. Oder an einem anderen Morgen, als wir zwar mal wieder nicht zum Essen gerufen wurden. Carmen erkundigte sich also, ob es etwas gäbe und tatsächlich wurde Reis mit frittierter Yuka aufgetischt. Allerdings wurde nur Carmen gefragt, ob sie etwas wolle und ein Teller hingestellt. Somit saßen alle am Tisch mit ihrem Essen vor der Nase nur ich nicht. Das war auch wieder so ein Moment, in dem ich mich richtig mies gefühlt habe. Mir stiegen schon die Tränen in die Augen und ich fragte, warum alle etwas zu essen bekommen würden nur ich nicht. Da meinte sie zu mir, ich würde es ja so oder so nicht wollen. Ich war total entrüstet, weil ich es so unverschämt fand. Fleisch boten sie mir immer wieder an, aber Reis mit Yuka nicht oder wie?! Auf mein Nachfragen hin wurden dann noch ein paar Reste zusammengekratzt und ich bekam widerstrebend doch etwas ab. Genauso fragte sie mich an einem Morgen, warum wir unser Brot nicht in der Küche lagern würden, sie würde doch auch alles mit uns teilen. Diese Aussage überging ich ganz galant, weil ich es gar nicht einsehe, mein Brot mit ihr zu teilen, sie aber ihr Obst vor mir versteckt. Meines Wissens nach funktioniert Teilen nur wenn beide Parteien mitmachen, aber da ihr Part fehlt, sehe ich das überhaupt nicht ein. Und da sie ihre Meinung eh 1000 mal ändert, mache ich es einfach so, wie ich es für richtig halte. Absprachen sind ihr nämlich immer suuuper wichtig und sie erwartet auch immer, dass man sich daran hält, aber die Einzige, die sich nicht am Deal beteiligt, ist sie. Weswegen ich es eigentlich gar nicht einsehe, mich auch daran zu halten, aber auf ihr Niveau will ich mich nicht auch begeben. Mir kann sie so nämlich keine Vorwürfe machen, wobei sie trotzdem immer was findet oder die Geschichte so dreht, dass doch ich Schuld habe.

Die ständigen Vergleiche mit Carmen nerven aber trotzdem, dafür kann sie gar nichts, aber es ist echt ätzend ständig zu hören, wie großartig sie doch ist. Ich fühle mich echt ausgegrenzt. Carmen gibt mir aber wenigstens auch Recht, dass das Verhalten unserer Gastmutter nicht ganz normal ist und sie wundert sich ebenso über ihr merkwürdiges Handeln. 

Ich habe mich WIRKLICH sehr lange um ein gutes Verhältnis bemüht und alles gemacht, um sie zufrieden zu stellen, aber egal was ich tue, es ist mir nicht möglich und da alle Bemühungen von mir auszugehen scheinen und meine Gastmutter sich wie eine Hexe verhält, gehen diese ins Leere und ich kann nun wirklich nichts mehr daran ändern, dass wir nicht so gut miteinander klarkommen. Sie hat einfach keine Lust auf mich und das kann ich leider nicht ändern…

Außer diesem wachsenden Problem verlief der Rest der Woche eigentlich ganz ruhig, wir spielten nochmal Bingo mit den Kindern, verbrachten am Donnerstagvormittag eine Stunde im Stadion, das für das Fest hergerichtet wurde und ärgerten uns darüber, dass unsere mühsam ausgemalten Bilder verschwunden waren. Als wir sie Juana in die Hand drückten, ahnten wir schon, dass sie verloren gehen würden und niemals im Essenssaal aufgegangen werden würden. Schade, dass unsere Arbeit so wenig wertgeschätzt wird und von großen Vorhaben nie etwas in die Tat umgesetzt wird. Es ärgerte mich schon etwas, da wir es jauch schon geahnt hatten, aber was sollten wir anderes machen, als uns ergeben. Generell habe ich das Gefühl, dass all die Arbeit auf uns beiden Freiwilligen abgewälzt wird und der Rest der Angestellten den ganzen Tag mit anderen Dingen beschäftigt ist. Ich frage mich wirklich, was die ohne uns machen… 

Am Donnerstagnachmittag quatschte ich die ganze Zeit mit einem 16-jährigen Mädchen, dem ich zuerst bei den Englischaufgaben holt und das mich danach über mein ganzes Leben ausquetschte. Sie erzählte mir aber auch viel von sich, ihrem Freund und ihrem Baby und ihren Zukunftsplänen. Am Ende hatte sie meine Handynummer und ich eine Person mehr, die mich auf WhatsApp nervte. 

Nach der Arbeit waren Carmen und ich eigentlich immer in unserem Zimmer, planten die Reise nach Puno, unterhielten uns oder hörten Musik. Wenn wir dann ausnahmsweise mal zum Abendessen gerufen wurden, speisen wir alle zusammen, wenn nicht bekamen wir Reste oder wurden angewiesen, uns selbst etwas zu machen. Dargestellt wurde dies auch wieder als Problem, wobei es für uns keines war. 

Gut belassen wir es bei diesem Bericht dabei, nicht ganz so chronologisch wie die anderen, aber ich hoffe man versteht, was hier so abgeht. Als Fazit würde ich sagen, dass es mir ganz gut geht und guttut, mit Carmen über die Dinge zu sprechen, die Situation aber noch ausbaufähig ist. 

Emily

 

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