Was passiert als nächstes?

Jedes Mal aufs Neue wenn ich diese Berichte verfasse bin ich überrascht, wie sehr sich mein Leben innerhalb von einer Woche hier verändert. In der einen Woche ist es ganz gut ertragbar, in der nächsten denke ich wieder, ich bin im falschen Film.

Diese Woche jedenfalls startete damit, dass Carmen und ich eigentlich nach der Arbeit noch die letzte Übernachtung buchen wollten, doch mussten wir leider feststellen, dass das WLAN nicht funktionierte. Auf meine Nachfrage hin, ob Anghelo müsse, was los sei, meinte er nur ganz trocken, Juana hätte es nicht bezahlt und somit gebe es vorerst keines mehr. Mir blieb die Kinnlade beinahe offen stehen. Man hätte uns ja wenigstens mal darüber informieren können, oder? Jedenfalls gab es also kein WLAN mehr, es wurde keine Übernachtung gebucht. Stattdessen durchstöberten wir unsere Reiseführer, um uns eine Reiseroute für danach zurechtzulegen, bis wir vom Küchentisch vertrieben wurden, weil der Neffe von Juana gekommen war. Also verzogen wir uns in unser Zimmer, bis ich es nochmal in die Küche wagte, um zu fragen ob und wann wir zu Abend essen würden. Da wurde ich so blöd von ihr angemacht, dass ich doch sehen würde, dass sie nur Tee trinken würden. Das war mir durchaus bewusst, nur wollte ich eine Auskunft über den weiteren Verbleib haben, da ich Hunger hatte. Das war aber schon zu viel verlangt und ich wurde nur angemotzt. Ich hätte am liebsten zurück gestänkert, da ich an dem Nachmittag das Obst, das sie ja vor uns versteckt, vergammelt im Mülleimer gefunden habe… Warum muss sowas sein? Bevor es vergammelt kann sie es doch uns geben, ich hätte es mit Sicherheit gegessen! Jedenfalls gab es dann kurz nachdem ich gefragt hatte doch Abendessen. Allerdings war dieses nicht sonderlich befriedigend. Carmen und ich erhielten beide nur ein ganz klein bisschen Reis mit etwas von der Soße, was uns beide nicht wirklich sättigte. Als Carmen nach einem Nachschlag fragte, bekam sie als Antwort wie auch ich schon einige Male zuvor zu hören, dass es nicht für alle reichen würde, wenn sie sich nochmal nehmen würde. Ich wusste also, dass ich es gar nicht erst versuchen brauchte, auch wenn ich wusste, dass am Morgen trotzdem noch etwas übrig sein würde… Tee bekamen wir auch nicht mehr ab und auch am nächsten Morgen war es nicht besser. Wir bekamen beide nur zwei trockene Brote, mehr durften wir uns nicht nehmen und auch Tee wurde uns nicht mehr als eine Tasse gestattet. Im Laufe des Vormittags bin ich also fast verhungert und als ich auf der Arbeit in der Küche nach einem Brot fragte, wurde ich auch nur wieder dumm angefahren, dass ich doch frühstücken solle… Generell sagt man mir hier die ganze Zeit ich solle mehr essen und müsse zunehmen und auch Juana meint das ständig, aber außer dem Mittagessen bekomme ich irgendwie nicht wirklich was anständiges, wenn ich mich nicht selbst drum kümmere. Keine Ahnung, was deren Problem ist. 

Ich habe ja auch schon davon erzählt, dass wir ständig andere Informationen bekommen und je nach Gemütslage andere regeln herrschen, aber mittlerweile darf ich noch nicht einmal spezielle Tassen benutzen. Es gibt nämlich zwei größere Tassen und die darf ich nicht mehr benutzen, weil ich sie kaputt machen könnte… Carmen soll gefälligst ihr Bett vor dem Duschen machen und nicht danach, mit mir schimpfte sie zum vierten Mal, dass ich das Bad falsch wischen würde und wenn wir unser Geschirr nicht abtrocknen würden, würden wir alle krank werden. Das ist nämlich ihr Lieblingsspruch. Egal was wir ihrer Ansicht nach falsch machen, es heißt immer, wir würden alle davon krank werden oder sterben. Deswegen müssen wir jetzt auch jeden Tag unser Zimmer sauber machen, obwohl das überhaupt keinen Sinn macht und wir das auch vorher schon regelmäßig gemacht haben, aber gut. Wie immer versuchen wir einfach es ihr immer recht zu machen, auch wenn es nicht anerkannt wird. Denn egal was wir machen, ich habe das Gefühl, dass sie sich einfach irgendwas raussucht um daran rumzumeckern und uns zu sagen, dass wir es falsch machen würden. Einfach nur um zu schimpfen. 

Zum Glück kam am Dienstag aber tatsächlich endlich Edwin hier an, dem wir dann kurz und sehr grob die größten Probleme schilderten, während der ganze Rest Perus wahrscheinlich schon vor dem Fernseher hing. Es stand nämlich das Spiel Peru vs. Kolumbien an und wenn Peru gewonnen hätte (haben sie nicht, es ging 1:1 aus), wäre dies ihr Eintritt zur WM 2018 in Russland gewesen. Also haben wir uns auch irgendwann dazu gesellt und das Spiel mitverfolgt. Mein Ehrgeiz war geweckt, da wenn sie gewonnen hätten, wir am Mittwoch frei gehabt hätten. Also verlegten wir das Gespräch mit Juana, um das wir gebeten hatten und das dringend notwendig war, auf den nächsten Tag. Um Edwin zu beeindrucken gab es tatsächlich auch mal was Anständiges zu essen, aber mein Magen war es gar nicht mehr gewöhnt abends so viel zu essen, weshalb ich dann ordentlich Bauchschmerzen bekam, die auch am nächsten Morgen noch nicht sonderlich besser waren. Was aber der absolute Höhepunkt (oder besser Tiefpunkt) des Abends war, war als Juana am Esstisch plötzlich zu Edwin meinte, er solle eine andere Familie für uns suchen. Edwin war sichtlich geschockt und meinte, wir würden morgen reden. Aber auch ich und Carmen waren geschockt über diese Aussage und konnten nicht glauben, was wir da eben gehört hatten. Sie will einfach nicht mehr, dass wir bei ihr wohnen bleiben. Das brachte sogar Carmen, die eigentlich der Meinung war hier bleiben zu wollen, dazu zu sagen, dass sie jetzt auch gerne weg wolle. 

Da Edwin mit uns am Mittwoch nach Huancabamba wollte, hatten wir trotz Unentschieden frei und Juana kam nur um 8 Uhr in unser Zimmer und fragte unnötigerweise, ob wir zum Arbeiten gehen würden oder mit Edwin gehen würden. Ich glaube es war offensichtlich, da wir beide noch im Bett lagen, dass wir beide nicht arbeiten gehen würden. Dazu ging es Carmen auch noch schlecht und sie hatte Kopfschmerzen, weshalb sie sich dazu entschloss, den ganzen Tag zu Hause zu bleiben und zu schlafen. Ich hoffte einfach, dass sie kein Fieber hatte und am Freitag wieder fit sein würde um nach Puno zu fahren. Also machte ich mich so gegen 10:30 Uhr alleine mit Edwin auf den Weg nach Huancabamba, einen abgelegenen Örtchen, das noch zu Andahuaylas gehört. Man kommt auf dem Weg dahin am Flughafen vorbei und kann die faszinierende Landschaft begutachten. Huancabamba dagegen hat nicht sonderlich viel zu bieten. Ungeteerte Straßen, Lehmhäuser und unglaubliche Ruhe. Also wirklich sehr ländlich und noch sehr ursprünglich. Außer der Platz natürlich, der wie überall ordentlich und sauber war. Da der Bürgermeister, zu dem Edwin wollte, in einer Besprechung war, beachten wir die örtliche Grundschule und Edwin berichtete ganz motiviert von seinen vielen Plänen, mehr Touristen und auch andere Freiwillige dorthin zu bringen. Der Direktor schien mir nicht ganz so begeistert, doch trotzdem wurden wir der sechsten Klasse vorgestellt und Edwin schwang mal wieder eine ausschweifende Rede. Danach war der Bürgermeister immer noch nicht fertig und si warteten wir noch eine Weile. Irgendwann kamen dann drei Männer und eine Frau aus dem Rathaus und stiegen in ein Auto. Edwin sagte nur, ich solle mich dazusetzen, wir würden in ein anderes Dörfchen fahren und schnell wieder zurückkehren. Also befand ich mich Sekunden später mit vier Unbekannten in einem Auto auf dem Weg in ein noch kleinere Dörfchen, um den Bau des dortigen Platzes zu begutachten. Das Dorf war so unglaublich abgelegen und bestand wirklich nur aus einfachsten Hütten und Matschwegen. Man hatte auch kein Netz und es war beinahe totenstill. Tatsächlich sollte Edwin jedoch mal Recht behalten und wir kehrten ziemlich schnell wieder zurück. Dann hatte der Bürgermeister auch kurz Zeit für ein Gespräch mit uns, was glaube ich nicht zu Edwins Zufriedenheit verlief, aber ich fand den Mann sehr nett. Danach wollten wir eigentlich endlich Mittagessen, aber der Speisesaal war zu und so entscheiden wir uns dazu, wieder nach Andahuaylas zurückzukehren. Nachdem wir ziemlich lange im Taxi gewartet haben sind wir dann aber doch um 3 angekommen und ich habe zu Hause essen können. 

Eigentlich hatten Edwin und ich uns dann für 4 Uhr verabredet um mit Juana zu sprechen, jedoch tauchte er erst um viertel nach fünf auf um uns mitzuteilen, dass er alleine mit ihr gesprochen hatte, was ich eigentlich um jeden Preis verhindern wollte. So wusste ich nämlich nicht, was er ihr erzählt hatte und was sie über uns gesagt hatte. Er meinte nur, es gäbe im Moment keine andere Familie und wir würden erstmal hier bleiben müssen. Um die Problematik mit dem Schlüssel zu lösen würden sie ein Bad draußen für uns bauen wollen, so wie sie es schon dreimal meinten, aber nie gemacht haben. Aber ganz ehrlich, das löst ja auch nicht alle Probleme und ich will auch nicht draußen duschen, da es ja eh nur kaltes Wasser gibt. DABEI wird man dann tatsächlich krank und ganz nebenbei auch nicht sauber. Und wir müssten dann ohne ein Dach überm Kopf Zähne putzen und das Klo hätte keine Spülung. Mal ganz abgesehen davon, dass das Bad dann mitten im Hof wäre und alle Nachbarn einem zuschauen würden und wir bei Regen eine Matschgrube hätten. Finde ich also eher eine blöde Idee. Irgendwas meinte Edwin dann noch davon, dass er in einem Monat nochmal suchen würde, aber da wäre meine Zeit ja schon fast wieder zu Ende, es würde sich für mich also nicht mehr lohnen. Irgendwann erwähnte er ganz nebenbei in einem Nebensatz, dass ihm Juana gesagt hätte, sie würde sich schlecht fühlen, da wir sie anschreien würden und laut werden würden. Das war dann echt zu viel für mich und ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen. Warum redete sie so schlecht über uns und erzählte solche Lügen? Die Einzige, die immer rumschreit und laut wird ist sie und nicht wir. Ich will gar nicht wissen, was sie noch alles für falsche Geschichten erzählt hat. Edwin war sichtlich mitgenommen und meinte nur, er würde ja gerne, dass wir in eine andere Familie kämen, aber es gäbe gerade keine. Aber anscheinend tat es ihm so leid, dass er sich nochmal auf den Weg machte, um etwas zu suchen. Fragt mich nicht wie er das anstellen will nur indem er durch San Jeronimo eiert, aber es schien ihm echt arg zu sein. Ich glaube er wusste selber nicht genau was er tun sollte als ich meinte, ich hätte Angst davor, was sie machen würde, wenn er wieder weg sei. Also verabschiedete er sich kleinlaut und meinte, er suche nochmal etwas… Jetzt sitze ich hier und bin gespannt was passiert. 

Auf der Arbeit hatten wird diese Woche eben Mittwoch schonmal frei und Dienstagnachmittag wurden wieder alle Kinder nach Hause geschockt, damit wir Plakate basteln konnten, diesmal für den kommenden Montag, der anscheinend der Tag der Ernährung ist. Vormittags haben wir mit den Kindern selbst ein Memory Spiel gebastelt, um ihnen spielerisch Englisch zu vermitteln. Auf die eine Karte wurde also immer das englische Wort geschrieben und auf die andere ein passendes Bild gemalt. Natürlich haben wir nur Wörter genommen, die wir ihnen schonmal beigebracht hatten. Ich war ganz verwundert, wie eifrig sie die Bilder malten, denn eigentlich mögen sie nicht so gerne malen. Doch irgendwie waren alle total begeistert. Auch als das Spiel dann fertig war und wir eine Runde spielten, waren sie richtig gut dabei und hatten offensichtlich eine Menge Spaß daran. Als wir es dann am Dienstag nochmal spielten, hatte ich auch wirklich das Gefühl, dass sich die meisten schon einige Wörter gemerkt hatten. Also in der Hinsicht ist das ein richtiger Erfolg gewesen. Und das Gute ist auch, dass man das Spiel ja mit immer mehr Wörtern erweitern kann und sie es eher spielen, als dass sie sich die Wörter in ihrem Heft nochmal anschauen (da sie die Zettel so oder so meistens verlieren oder wegschmeißen). 

Soviel dazu für alle, die sich fragen was mit dem Wechsel und der Gastfamilie los ist. Mal schauen, was jetzt passiert. Ich hoffe mal ganz abgesehen davon, dass Carmen am Freitag wieder fit ist, mein Paket endlich ankommt und der Trip nach Puno so klappt wie erhofft. 

Emily

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Jasmin (Dienstag, 17 Oktober 2017 11:05)

    Die spinnt doch echt. ich kann nicht glauben, dass dir das echt passiert, das klingt wirklich nach einem schlechten witz! ich drücke euch die daumen, dass sich eine neue familie findet und vorallem, dass die tour nach pino klappt! viel spaß!